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Die mannigfaltigen Gefahren des Abschweifens

  • Autorenbild: bertholdfoeger
    bertholdfoeger
  • 16. Nov. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Nov. 2025


Wenn mich meine Klavierschülerinnen und/oder -schüler - versehentlich oder nicht – an einem geistigen Triggerpunkt berühren, dann kann das schon mal einen mittleren Redeschwall auslösen. Dann kommen sie nolens volens in Berührung mit meiner Begeisterung. Für Inhalte, aber auch für die herrlichen Worte, die man um sie machen kann! So wird bei mir aus einem Exkurs schnell eine Exkursion, aus einem thematischen Ausflug auch mal ein verbaler Wochenendtrip.


Eine scheinbar harmlose Zwischenfrage taucht auf, wie der unschuldige Schlag eines Schmetterlingsflügels, und schon überschreitet der gnadenlose Klavierlehrer bisweilen lawinös die Grenze des knappen Erklärens und eskaliert sich in ausuferndes Schwadronieren hinein. So als wollte ich meine Eleven (und so nenne ich sie gerne, auch wenn ich deutlich mehr als 11 habe) in Sicherheit wiegen, dass ich, was immer ihr lernwilliger Geist auch begehren möge, es liefern könne. Halt dann, wenn sie es wissen wollen. Für den Fall, dass sie es überhaupt wissen wollen. Aber sicher ist sicher: Ein Antwortvorschuss auf noch gar nicht gestellte Fragen erhöht die Kundenbindung. Glaube ich.


Die eine Hoffnung habe ich zumindest: Das Bewusstsein über einen Zustand ist ein guter Ausgangspunkt für psychische Lernprozesse. Und ich lerne gerne. Ausgerechnet im Unterricht mit einer musikinteressierten Psychoanalytikerin, die in weiser Voraussicht immer nur halbstündige Einheiten bei mir bucht, schwillt mir neulich der linke Frontallappen dermaßen an, dass das dort verortete Sprachzentrum dem Druck nachgeben musste - und ich mich erleichtern. Dann passierte es: In einer Art Durchbruch entfährt mir am Ende meines Monologs ein apologetischer Kurzsatz:


Ich bin halt eine Plaudertasche.“


Eine halbe Mikrosekunde peinlich betretenen Schweigens - die Zunge überdehnt, der Kiefer ausgemergelt - vergeht, und mir wird klar, was ich da gerade gesagt habe. Wie Schuppen fiel es mir aus den kaum vorhandenen Haaren: Ich hatte zugleich durch die Verwendung eines pejorativen Femininums sexistische Stereotype verherrlicht und mir zugleich durch die Unmännlichkeit meiner eigenen Zuschreibung ein veritables Kastrationserlebnis verpasst! Doppel-Autsch, auch wenn es passt: Was soll denn beim Abschweifen anderes herauskommen als eine Entmannung?


Als lebender Beweis dafür, dass eben nicht nur Frauen Bände sprechen können, erkenne ich meine Aufgabe: Es muss anstelle der Plaudertasche ein grammatikalisch männlicher Begriff her, und zwar ein Kompositum aus einem Ausdruck für unmäßiges Reden und einem gängigen Transportbehältnis.


Nachdenkpause.


Ist ein Kerl ein Plapperkoffer, wenn er sich um Kopf und Kragen redet? Ein Schwafelranzen, wer vom Hundertsten ins Tausendste kommt, wenn der Tag lang ist? Ist es den primären männlichen Geschlechtsmerkmalen verbal zu nahe, wenn mann als Plauschbeutel oder gar Quatschsack bezeichnet wird?


Schuld ist jedenfalls das Broca-Areal im Gehirn, das nicht nur als Sprachzentrum fungiert, sondern auch für die Verarbeitung von Musik zuständig ist. So gesehen ist anfallsartiges Wortspendenaufkommen womöglich ein verbreitetes Phänomen bei Klavierlehrern und nicht notwendigerweise ein Zeichen für eine dysfunktionale Redseele.


Schaue ich an diesem Punkt der Geschichte zurück Richtung Anfang des ersten Absatzes, brauche ich bereits die Fernbrille. Und um die jetzt zu finden, bräuchte ich – die Fernbrille. Aber das wäre schon wieder ein Exkurs. Und ich habe das jetzt im Griff. Manchmal.


Offenbar habe ich mich hier – wenn auch schriftlich - mit vielen Worten über das Machen von vielen Worten entblößt. Jetzt weiß ich's: Ich bin ein Quasselstripper.

 
 
 

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