- bertholdfoeger

- 6. Feb.
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Beistelltische gelten ja im Allgemeinen als Nebensache - und das trifft wohl auch auf ihre Bedeutung in der Klavierpädagogik zu. Doch wohin mit den Gläsern und Tassen, aus denen sich meine Schüler laben? - Sie am Klavier abzustellen, ist unvorstellbar. Weniger wegen des Lacks, der im Falle meines 1988er Pleyel-Flügels aus stressresistentem Kunstharz besteht, sondern der Gefahr des Umschüttens wegen - die Filzhämmer und Dämpfer erzeugen keinen besseren Klang, wenn sie mit Earl Grey oder Hausbrandt-Espresso getränkt sind.
Also begab ich mich auf die Suche nach einem Beistelltisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich unerträglich wählerisch sein kann, und so wurden Dutzende von antiken wie neuen Kandidaten beäugt, doch die hinterließen mich allesamt mit derart dauergerümpfter Nase, dass mein Otorhinopharyngologe schon Sorgen hatte wegen drohender Dauerfolgen für die Scheidewand.
Unlängst sollte ich beim Aufräumen mit dem linken Knie unsanft auf ein altes Stück stoßen, das lange Zeit schon ganz stiefmütterlich in einer Ecke vor sich hin verstaubt: Der alte Thonet-Klavierhocker meiner Großeltern aus der Wiener Neustiftgasse. Die Oberfläche abgestoßen, die Sperrholzsitzfläche unheilbar aufgeplatzt und rissig; das Knarren, das er beim drauf Sitzen entwickelt, erinnert in seiner Schönheit an ein Fortissimo aus den unteren Oktaven eines Roland-Digitalpianos. Straight out of hell!
Ein paar Ecken weiter in meiner Wohnung fristet ein messingfarbenes Tablett von IKEA, das auf den schönen Namen "Glattis" hört und auch tatsächlich sehr glatt is, ein ähnlich trostloses Dasein. Gerettet vor dem Hausmüll, aber dann fortgesetzt vernachlässigt und so gar nicht wertgeschätzt, am Ende vielleicht, weil es nichts gekostet hat?
In mir keimte eine Vision. Etwas Großes, Bedeutendes würde sich ereignen. Die Inspiration packte mich und ich einen alten Hammer. Als wäre Thor höchstselbst in mich gefahren, sah ich mich auf die Sitzfläche einschlagen, die einst so geduldig meinen drei Jahre alten Podex getragen hatte, als ich zu Besuch bei den Großeltern wieder einmal grußlos schnurstracks ins Klavierzimmer gelaufen war (wo ich dann für gefühlte drei Stunden vorzugsweise die große Terz vom kleinen c zum kleinen e angeschlagen habe).
Man hätte natürlich vorher ausmessen können, ob denn das Tablett überhaupt die wild erhämmerte Leerstelle füllen würde; doch ich war getrieben von einem unerschütterlichen Glauben, der keinen Platz ließ für solcherlei prosaische Zeitverschwendung. Und Galileo Galilei (ja, der aus "Bohemian Rhapsody") soll das mit der Messbarkeit gar nie wirklich gesagt haben.
Es passte. Der Thonet-Hocker und das IKEA-Tablett waren einander vom Schicksal versprochen. Dass der Kragen des Tabletts nicht millimetergenau mit dem Rahmen des Sitzes abschließt, feiert genau das rechte Maß an Imperfektion, das wahre Menschlichkeit auszeichnet und die Marriage letztendlich erst recht perfekt macht. Ebenso die Patina an dem gut hundert Jahre alten Bugholzstück, die durch ein paar Spritzer Estalin ihre volle Schönheit offenbarte.
Und so steht er jetzt da, der Ikeatablettthonetbugholzhockerbeistelltisch, wie ich ihn gerne spitznamenhaft verkürzt rufe, und ist eine nicht versiegen wollende Quelle der Freude. Und eine Erinnerung an meine Großeltern. Ihnen zu Ehren werde ich jetzt eine halbe Stunde lang die große Terz vom kleinen c zum kleinen e anschlagen, mit entrümpfter Nase und dem staunenden Herzen eines Dreijährigen, der bis heute nicht genug kriegen kann vom Klavier.

